Interview mit Kirchenpräsident Dr. Jung
Was hat Sie bewogen, Theologie zu studieren?
In der Oberstufe habe ich mein Interesse für philosophische und theologische Fragen entdeckt. Außerdem gehörte ich zu einer sehr diskussionsfreudigen Jugendgruppe in unserer Kirchengemeinde. Ich habe mich auch gefragt, ob ich Pfarrer sein wollte. Viele Gespräche mit meinem Gemeindepfarrer haben mich dazu motiviert.
Welches theologische Thema hat Sie während Ihres Studiums begleitet?
Wichtig war mir immer die Suche nach einem denkenden Glauben, die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft. Darüber habe ich später auch wissenschaftlich gearbeitet. Immer im Blick hatte ich dabei, was Theologie für den Glauben und das Leben konkret bedeutet.
Was ist das Einzigartige am Theologiestudium?
Seine Vielfalt. Man lernt Texte genau zu lesen, historisch zu denken und zu Glaubensaussagen zu kommen, die in der Gegenwart verantwortet werden können und die im Leben weiterhelfen. Theologie treiben bedeutet auch, sich mit anderen Wissenschaften auseinander zu setzen – von der Naturwissenschaft über die Philosophie bis hin zur Psychologie. Und in allem geht es dabei um das menschliche Leben mit seinen Höhen und Tiefen.
Welchen Platz hat die Kirche in unserer Gesellschaft?
Einen wichtigen! Sie bezeugt das Evangelium, Gottes Liebe, in Wort und Tat. Damit hilft sie Menschen, mit ihrem Leben zu Recht zu kommen. In ihr können Menschen als Gemeinschaft ihren christlichen Glauben leben. Außerdem gestaltet sie unsere Gesellschaft so mit, dass Menschen in Würde leben können.
Kirche begleitet gesellschaftliche und politische Entwicklungen kritisch und konstruktiv. Sie engagiert sich selbst in sozialen und gesellschaftlichen Bereichen, in denen sie kompetent ist. Sie ist auch Moderatorin und geschätzte Gesprächspartnerin, die kontroverse Meinungen, Lobbygruppen und Parteien miteinander ins Gespräch bringen kann. Indem sie sich den Fragen nach Grund und Ziel unseres Daseins stellt, macht sie den großen Bezugsrahmen unseres Lebens sichtbar, die Welt als Schöpfung Gottes. Unsere Gesellschaft wäre ärmer, wenn es die Kirche nicht gäbe.
Welche Aufgaben haben Pfarrerinnen und Pfarrer in unserer Gesellschaft?
Pfarrerinnen und Pfarrer sind zunächst für die Menschen in ihren Gemeinden da. Sie verkündigen die frohe Botschaft des Evangeliums, ermutigen zum Glauben und begleiten im Glauben. Sie haben besondere Leitungsaufgaben, die sie gemeinsam mit den Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern wahrnehmen. Dazu müssen sie mit anderen zusammen arbeiten und Menschen motivieren können. Sie gestalten mit ihren Gemeinden das Leben in den Dörfern und Städten und sie sind Integrationsfiguren, auf die sich die Menschen vor Ort beziehen, selbst wenn sie selbst nicht der Kirche angehören.
Pfarrerinnen und Pfarrer sind insofern Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und eine Orientierungsfunktion haben.
Warum sollten junge Menschen heute Theologie studieren und ins Pfarramt gehen?
Weil sie gebraucht werden. Auf sie wartet zuerst ein sehr interessantes und thematisch breit gefächertes Theologiestudium, dann ein wunderbarer Beruf. Beides ist anstrengend, bringt aber auch sehr viel persönliche Erfüllung bringen. Wer diesen Beruf anstrebt, sollte Gott und die Menschen lieben. Er oder sie muss gerne mit Menschen kommunizieren, dabei gut zuhören können und einfühlsam reden. Meist ist Personal zu führen und in Gremien kollegial mitzuarbeiten. Man muss in der Lage sein, den Alltag selbstverantwortlich zu strukturieren und das Leben immer wieder im Licht des Evangeliums zu reflektieren – Zweifel und die wunderbare Erfahrung der Gnade Gottes inbegriffen.